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Old Mining Road

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Von Hans-Jürgen Weigt

In Eagle Pass endlich die Tankmöglichkeit. Bis Laredo sind es 125 Meilen über den Interstate. Kein Problem bei 450 Kilometern Reichweite und vier Stunden Tageslicht. Auf der Karte scheint eine Abkürzung möglich. 40 Kilometer weniger. Die »Old Mining Road« führt dicht am Rio Grande an der Grenze entlang. Irgendwann endet der Teerbelag. Aber wozu hat man eine Enduro?! Die nächsten 70 Kilometer werden unerwartet lang. Und dramatisch. Ich halte bei einem Pick-up der Border Control, die hier alle zehn Kilometer unterwegs ist, und erkundige mich nach dem Zustand der Strecke. Bis Laredo seien es ein bis zwei Stunden, es kämen einige sehr sandige und einsame Passagen. »Take care.«

Die Wüstenpiste säumen blaue Wassertonnen, an denen »Aqua« steht. Lebensretter für die Flüchtlinge aus Lateinamerika, die hier durch die Einöde in die USA einwandern. Auf den nächsten 40 Kilometern kommen mir keine Privatwagen mehr entgegen.

Die voll beladene V-Strom schlingert durch sandige Trockenbetten. Das geht gerade so, ohne an den Bridgestones Luft abzulassen. Als ich eine Spur ganz am Rand der Piste suche, rutscht das Vorderrad weg in den feinen, tiefen Wüstensand. Ich stecke fest. Seit 15 Kilometern habe ich keinen Menschen gesehen.

Ich könnte Luft ablassen. Auf der Dortmunder Motorradmesse habe ich eine praktische Miniluftpumpe gekauft. Die steckt in der Packtasche. Aber bei der Hitze ist mir jeder zusätzliche Handgriff zu viel. Mit Schweiß und brachialer Gewalt zerre ich die Suzuki wieder auf festen Grund und fahre noch vorsichtiger weiter. Tiefe Sandpassagen in trockenen Flussbetten, sengende Sonne. Auf der Suche nach Schatten halte ich am Pistenrand. Die Dornenbüsche sind keine zwei Meter hoch. Ich könnte mich darunter setzen. Dann fällt mir die Warnung der liebenswürdigen Lady im J. C.-Penney-Museum wieder ein. »Take care, there are a lot of rattlesnakes.« Nach der zwanzigsten Kuppe sind wieder nur der sandige Track und die endlose Halbwüste zu sehen. Wirklich Zeit für eine Pause. Hinsetzen will ich mich wegen der Klapperschlangen und Skorpione, die irgendwo lauern, auch nicht. Nicht mal die Border Control ist noch zu sehen. Mir geht das Lieblingswort amerikanischer Rap-Songs durch den Sinn, schimpfe vor mich hin. F …

Was soll’s?! Dreißig Meilen weiter warten ein klimatisiertes Zimmer und die Nachricht von der überraschenden Fußball-Pleite Deutschlands gegen Südkorea. Mit leichtem Schüttelfrost vom beginnenden Sonnenstich gebe ich Gas. Let’s make my day, würde Clint Eastwood vielleicht denken und DIRTY bin ich nach den Stunden im staubigen Wüstensand sowieso. Längst ist mein bisschen Trinkwasser aufgebraucht.

43 Grad zeigt das Thermometer im Cockpit. Schwerstarbeit mit Helm, aber nicht zu vergleichen mit dem Schicksal der Flüchtlinge, die zu Fuß den harten Weg durch die Wüste nehmen und mit Glück an einer Aqua-Tonne Rettung vor dem Verdursten finden.


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