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Die Macheten-Männer

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Von Hans-Jürgen Weigt

»Bay People« heißen die Gründerväter des Kleinstaates heute, was etwas friedfertiger als die Berufsbezeichnung »Seeräuber« klingt. So ganz vergessen haben die Einheimischen ihre Tradition allerdings nicht, wie die Fahrt von Belize City an den schönen Strand von Hopkins Beach zeigt.
Ich habe die Teerstraße verlassen und über den »Coastal Highway« eine Abkürzung durch die kaum besiedelte Küstenregion genommen. Die Bezeichnung »Highway« ist eine heillose Übertreibung. 70 Kilometer geht es auf der harten Wellblechpiste Richtung Hopkins Beach, über Holzbrücken und verwunschene Urwaldflüsse. Der Weg über die Teerstraße und die Hauptstadt Belmopan ist 40 Kilometer länger. Große Verkehrsschilder weisen am Abzweig auf den Coastal Highway hin.

Für meine 650er Suzuki V-Strom ist die Strecke kein Problem. Ich habe mich aber schon gewundert, dass die Pick-ups und Busse alle die längere Teerstraße von Belize City an die Küste gewählt haben. Denn der »Highway« ist bei trockenem Wetter ganz gut befahrbar. So bin ich also allein auf der Route, deren Rand dicht bewachsen ist. Nicht einmal Farmen scheint es hier zu geben. Am Horizont zieht ein Gewitter auf.

Ein ausgebranntes Wrack liegt am Straßenrand. Ein Kleinbus, aber das Fabrikat ist nicht mehr erkennbar. Mit Tempo 50 rolle ich über die Staubstraße, weiche einigen größeren Steinen aus. Der beiläufige Blick aufs Buswrack ist eher Abwechslung als Neugierde. Autowracks sind südlich des Rio Grande nichts Besonderes. Viele davon fahren sogar noch vollbeladen mit 30 Stundenkilometern über die Panamericana …

Aus dem Augenwinkel erkenne ich eine kleine, kaum wahrnehmbare Bewegung hinter dem Wrack. Die Nackenhaare sträuben sich. Irgendwas stimmt nicht in dieser morbiden karibischen Bilderbuchidylle.

50 Meter vor dem Wrack halte ich mitten auf der Straße an. Alles scheint friedlich. Keine Leine über der Straße gespannt, kein Auto zu sehen. Doch dann bewegt sich auch am anderen Ende der Busruine etwas. Es müssen also mindestens zwei Leute sein.

Drehen und Gas geben, um zurück zur Teerstraße zu kommen? Sollten sie Schusswaffen haben, wäre das keine überzeugende Idee. Ein intaktes Auto steht nirgendwo. Wenn sie mit den üblichen 125ern aus chinesischer Produktion hierher gefahren sind, werden sie wohl kaum mit der Suzuki mithalten können.

Nach einigen Sekunden fahre ich mit Tempo 30 weiter. Ich habe keinen Bock auf einen Umweg und vielleicht ist der Überfallgedanke ja wirklich übertrieben. Jedenfalls wissen die zwei (?), dass ich etwas gesehen habe. Als ich heranrolle, tritt ein Mann neben den verrosteten Bus. Abgerissene, dreckige Klamotten, er winkt mit seiner linken Hand. Den rechten Arm hält er halb hinter seinem Rücken. Ich fahre im Stehen weiter und sehe die Machete. Sie reicht bis zu seinen Sandalen …

Langsam rolle ich im zweiten Gang, lasse die Kupplung etwas schleifen und bleibe in der Straßenmitte. Der zweite Mann zeigt sich nicht. Der Macheten-Mann guckt erwartungsvoll und nicht unfreundlich. Zehn Meter trennen uns etwa, als ich die Kupplung kommen lasse und mit meiner linken Hand zurückwinke. In der rechten Hand habe ich keine Machete, aber den Griff für 71 PS und 62 Newtonmeter Drehmoment.

Ich finde im Vorbeifahren nicht heraus, was für ein Fabrikat das Buswrack in besseren Zeiten einmal war. Und fragen will ich nicht wirklich. Am Hinterrad steigt Staub auf, dann bin ich am Wrack vorbei. Im Rückspiegel sehe ich, wie der zweite Mann ein paar schnelle Schritte auf die Piste macht. Eine alte Decke oder Plane zerrt er mit der linken Hand hinter sich her, in der rechten Hand hat auch er eine Machete.

Die Suzuki rollt mit Tempo 100 über die Piste. Zeit zum Winken habe ich nicht mehr, aber bei meiner Geschwindigkeit brauchen sich die beiden keine Gedanken zu machen, ob eine Verfolgungsjagd mit Leichtkrafträdern Sinn macht.

War es wirklich ein Überfallversuch? Man soll ja nicht immer gleich schlecht von den Menschen denken. Wenig später zieht mich die einsame Landschaft wieder in ihren Bann, aus der steile Felsformationen ragen und schmale Holzbrücken über klare Flüsse führen.
Nur ein LKW und zwei Autos, die im Konvoi und recht zügig fahren, kommen mir in der nächsten Stunde entgegen, bevor ich die Teerstraße wieder erreiche. In meiner Fahrtrichtung scheint niemand unterwegs zu sein, und auch die seltener werdenden Blicke in den Rückspiegel zeigen nur die grünen Dschungelränder entlang der leeren grau-braunen Piste.

Mittags bin ich in Dangriga. Fischer mit kleinen Booten bringen frisch gefangene Langusten und Red Snapper zu einem kleinen Steg. Restaurantbesitzer und Zwischenhändler warten schon am Ufer, damit der Fang schnell auf den Tellern landet. Vor einfachen Häusern dösen dunkelhäutige Einheimische im Schatten. Kinder in Schuluniformen schlendern in kleinen Gruppen entlang der holprigen Straßen nach Hause. Fast alle haben Handys dabei.

Zeit für eine Pause. Abends sitze ich in Hopkins Beach vor einem Teller mit frischem Fisch, in Bananenblättern gegartem Maisbrei und tropischen Früchten. Friedlich rollen die Meereswellen an den Strand, in einigen Kilometern Entfernung ragen die Palmenwälder der vorgelagerten Inseln aus dem Wasser.

Restaurantmanager Ken fragt interessiert nach meiner Herkunft und nach meinen Reiseplänen. Als ich erzähle, dass ich über den Coastal Highway gekommen bin, schaut er mich groß an. Da fährt doch keiner her! Doch, der Deutsche mit der Suzuki. Der sich allerdings wundert, warum die Strecke Highway heißt und nicht mal geteert ist. Die wird auch nicht geteert, erklärt Ken. Zu flaches Land, zu häufig überflutet, um instand gehalten zu werden. Und wegen der Überfälle. Dort ist seit einigen Monaten sogar der öffentliche Busverkehr eingestellt, der die abgelegenen kleinen Weiler im Tiefland mit den größeren Orten an der Küste verband. Die Busse wurden immer wieder gestoppt, die Insassen ausgeraubt. Er selbst würde da nie langfahren!
Jetzt erzähle ich ihm von meiner etwas unheimlichen Begegnung. Klar war das ein Überfallversuch, meint Ken. In einen der Weiler am Rande der Mangrovensümpfe ist eine kriminelle Gruppe aus Belize City gezogen, nachdem ihnen die Polizei dort viel Druck gemacht hatte. Seitdem machen sie den Coastal Highway unsicher.
Schön, dass wir drüber geredet haben. Den Rest der Tour durch Belize verbringe ich überwiegend auf Teerstraßen.
Als ich wieder in Deutschland bin, erfahre ich von Guido aus der Motorrad-News-Redaktion, wie viel Glück ich wohl gehabt habe. Ein Vespa-Tourist ist auf dem nur 70 Kilometer langen Stück gleich dreimal überfallen worden. Mit jedem Stopp wuchs die Enttäuschung – bei den Piratensöhnen wegen der schmaler werdenden Beute, beim Reisenden wegen der sonderbaren Willkommenskultur im Land der Bay People.


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